🦄phäno(r)mal

Kollektives weg_zu_schauen

Eine unangenehme, schwitzig riechende Hitze schlägt mir entgegen, beim Eintreten in die Praxisräume.
Mensch, denk ich, draußen ist es kälter als hier drinnen…
Der Gedanke an das still sitzende Warten, dass gleich auf mich zu kommt, raubt mir die Lust auf das ganze TerminWahrnehmenGeplänkel.
Gut mit Lust und Laune hat so ein Praxistermin (bei mir) nicht viel gemein.

Auf dem Weg zur Sprechstundenhilfe, schiebt sich ein älterer Mann, mit seinem Rollator, an mir vorbei. Ich frage völlig entsetzt die Sprechstundenhilfe, ob das Haus überhaupt einen Fahrstuhl besitzt…
Beim Scannen, der Treppenhauserinnerung, war mir ein solcher nicht aufgefallen und ich fragte, ob ich helfen kann den Rollator nach unten zu tragen… doch es gab einen Fahrstuhl und ich war erleichtert.
Nicht weil ich nicht helfen wollte, sondern weil mir der MitMenschenKontakt fast wieder zu viel gewesen wäre. Schon allein die anderen Gäste der Praxis und die eng, nebeneinander, stehenden Stühle, bereiten mir kein gutes Gefühl_alles viel zu nah…
Ich regelte noch alle vorab Formalitäten und begab mich zu den sechs, sieben, acht…Wartenden.

Da saßen wir nun, so scheinbar grundverschiedenen Menschen und alle in diesem Nischenraum, haben in diesem Moment eines Gemeinsam:
Sie warten auf: an der Reihe sein…

Ich beschäftige mich mit einer pdf- Datei, auf meinem Telefon und freue mich mit einem inneren leuchtendem Lächeln, dass ich mich damals für dieses entschieden hatte.
Es dringen fremdsprachige Gesprächsfetzen an mein Ohr, klingt nach irgendeinem Land aus östlicher Richtung und ich bewundere den Klang der Sprache.
Raschelnde Zeitungen, schniefen und Plastikbecher Knacken lenken mich nur wenig ab, vom vertieftem Lesen.

Plötzlich drang durch meine Konzentrationsbarriere der Klang einer zeternde, extremen, verzweifelten und flehenden Stimme.
Eine Frau mittleren Alters (be)klagte wie es ihr geht und das niemand helfen will_kann_möchte.
Ich verstand zu wenig, nur das sie sehr starke oder viele Schmerzen hatte. Sie redete mit der Praxissprechstundenhilfe und das sie doch nur eine Überweisung bräuchte….
Ich versuchte es zu ignorieren und konzentrierte mich auf mein Display.
Die Schmerzfrau wurde immer lauter und ihr Stimmlage nahm; neben laut und schrill; ein Vibrato an, was mich sensibilisierte und auf eine Art Hab-acht-Stellung schickte. Ich rechnete mit einem Komplettzusammenbruch, vorab von der Schmerzfrau und später wohl auch von mir.

Niemand im Wartezimmer nahm Notiz!
Alle machten die ganze Zeit weiter, mit dem was sie taten. Als würde das Zimmer, der Wartenden, abgeschottet sein und nichts, aus nur etwa 3 Meter Entfernung, eindringen können.
Ich jedoch, konnte mich vor der Not der Schmerzfrau nicht verschließen. Ich wollte schon aufspringen und ihr meinen Termin anbieten… doch ich blieb…
(alles ging so schnell)
Die Schmerzfrau schien nichts erreichen zu können. Sie sagte lautstark, scheinbar halb unter Tränen, noch etwas und stürmte dann so unverhofft aus der Praxis…
…die Tür knallte ins Schloss und es erschallte ein brüllen, ein schreien und kreischen, so laut so extrem und Verzweifelt… fast nicht menschlich.

Ich empfand den innigen Wunsch nach draußen zu stürmen, hinter ihr her… sie in den Arm zu nehmen und trösten.
Ihr irgendwie zu helfen, doch ich blieb, still und starr, unbeweglich sitzen und tat wie alle anderen; rein gar nichts.
Ich schäm(t)e mich.

Ab den schrillen Tönen ihrer Stimme, war ich in mir gefangen. Ich konnte kaum wahrnehmen, was in meinem Umfeld passierte.
Nein, ich stand nicht neben mir. Ich befand mich irgendwie unter_hinter mir und hoffte schnell wieder zu mir_meinem Körper zu finden, der mir rein gar nicht gehörte_horchte.

Wartezeit verging und ich dachte, gefangen zwischen den Welten, an die Schmerzfrau. Wie es ihr wohl geht?

…ein leichtes an stupsen und namentliches benennen, führte mich zurück in die Realität, mehr oder weniger komplett (ich-Denken-Körper gingen scheinbar noch in verschiedene Richtungen) und ich fühlte meine tauben, kalten Hände, Beine und Füße wieder…mich wieder…

…ich war (endlich) an der Reihe und taumelte wie schlaftrunken ins Behandlungszimmer.
Konnte keine klaren Gedanken fassen.
Die Behandelnde Kontaktperson redete mit mir und ich nuschelte unvollständige Sätze.

„Sie sehen gut aus… „

Wirklich? Im Ernst? Nachdem was gerade war…
…und ich denke:
Was an mir soll gut aussehen? Was sieht sie, wen sie mich anschaut… ?
…ich bröckelte noch Wörter von Frau- draußen- braucht Hilfe hin und hoffte das sie was dazu sagt.
(auch wenn mir schlagartig bewusst wird, beim Blick auf eine Uhr, dass diese ganze Schmerzfrau-IchPanikSituation schon mindestens 45 Minuten in der Vergangenheit liegt!)

„Sie wursteln sich so durch…?!?“
…waren ihre folgenden Worte und ich, was sollte ich auch anderes meinen:
„Ja, alles wie immer…!“

…aber genau das, ist das Problem!
Alles wie immer, sollte es eben nicht sein, weil das sie kommen klar… nur Momente sind, zwischen den fetten nicht_klar_kommen Stunden_Tagen_Sekunden…
Sollte das Leben nicht mehr Lebendigkeit in sich tragen, als ein nur klar kommen_ sich durch wursteln_und_funktionieren?

Und was war_ist mit der Schmerzfrau?
Warum hat wirklich niemand reagiert, auch ich nicht!
Das extrem krasse daran war, dass auch niemand darüber gesprochen hat.
Gut, außer vielleicht die neben mir oder in der Zeit, in der ich weniger (da)bei mir war…
Doch wieso? Fühlte sich niemand dazu in der Lage, eventuell helfen zu wollen_können_sollen?
Ich begreife diesen Ablauf nicht, habe die Situation jetzt schon mehrmals durchdacht.
Selbst die Sprechstundenhilfe war auf ihrem Platz sitzen geblieben!
Unbegreiflich.

Einfach hinnehmen? Wie das so ist in der Kausalität der Dinge.
Es muss erst etwas (schlimmes, furchtbares, grausames…) passieren, ehe ein Handlungsbedarf besteht…
Wenn ein Mensch scheinbar gerade psychisch zusammenbricht, sollte dann nicht wenigstens eine_r aufstehen und helfen?

Traurig sitze ich hier und nehme mir ganz fest vor:

Mehr die Frau meiner selbst bleiben zu wollen!
Um in derlei Situationen, nicht der unnötigen_alt_Angst in mir den Vorrang zu geben und dann tatsächlich auch helfen zu können und nicht nur zu wollen.

copyright by Miss Tueftelchen

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6 Gedanken zu „Kollektives weg_zu_schauen“

    1. Ja, der Gedanke ist mir auch gekommen.
      Das die Schmerzfrau vielleicht auch öfter in der Praxis ist und ihre sehr emotionale Reaktion bekannt war_ist.
      Doch das konnten die anderen Wartenden und ich nicht Wissen.

      Es war für mich eine sehr seltsame Situation und ich bin dennoch der Meinung, dass andere + ich wenigstens hätten nachschauen sollen. Egal ob Hilfe nötig gewesen wäre.

      Danke für deine Sicht auf die Situation, und das bemerken das jemand der Laut um Hilfe_ Aufmerksamkeit ruft vielleicht nicht wirklich solche braucht. Sondern einfach nur mal die Emotionen raus lässt (also in diesem Fall).

      Ich denke da auch noch weiter. Niemand weiß ja, wie die Schmerzfrau die Praxis_das Haus verlassen hat und ob sie so wie es ihr ging hätte nicht abwarten sollen bis sie wieder am Straßenverkehr (als Fußgänger, Autofahrer,Radfahrer…) teil nimmt. Meine Sorge war dabei auch die Fremdgefährdung.

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      1. Wie hätte es anders laufen sollen? Die Sprechstundenhilfen hatten eben das Wartezimmer voll, unter anderem mit Leuten wie MissTueftelchen, die vor lauter Empathie manchmal vergessen, an sich selber zu denken. Die haben schließlich auch Hilfe und Empathie verdient. Mit der allgemeinen Gleichgültigkeit ist das so eine Sache. Bei Selbstverteidigungskursen lehren sie, das Gegenüber immer siezen und nie „Polizei“ sondern“Hilfe Feuer!“ rufen. Warum? Niemand mischt sich ein, wenn b
        Bekannte ihre privaten Streitigkeiten austragen. Niemand will mit der Polizei zu tun haben, aber jeder sieht gern anderer Leute Häuser brennen. Sind jetzt alle Menschen egoistische, sensationsgeile Arschlöcher? Ich glaub nicht. Aber wir können uns zum Glück gut gewöhnen und anpassen. In der Großstadt überhört man’s, wenn Paare nach dem Kneipenbesuch ihre Eheprobleme auf der Straße diskutieren. Auf dem Land kriegen sie mit, wenn Deine Fürze anders riechen und machen sich Gedanken über Deine Ernährung. Will sagen: Hilfsbereitschaft braucht Fachwissen. Und oft auch sehr viel abwartende, zulassende Geduld. Ich für meinen Teil denke auch zu viel nach. Ich kann ganz gut beobachten und dann was zu schreiben. Wenn aber wirklich Not ist, reagiere ich entweder zu spät oder tu spontan das falsche. Held sein geht anders…

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        1. Ich hab ein wenig (und noch immer) über deine Zeilen nachgedacht. Irgendwie kann ich deren vielseitige Bedeutungen gar nicht richtig erfassen.

          Jetzt mal unabhängig von der meinen Situation, ist genau diese Gewöhnung und die Gleichgültigkeit nicht das Problem?
          Ich denke, wenn Mann_Frau etwas beobachtet_mitbekommt und dabei schon den Gedanken_das Bauchgefühlt hat, irgendwo bei irgendwas mal genauer hinzuschauen_hinzugehen oder statt schauen und überlegen einfach mal zu Hilfe eilen…
          Gut vielleicht ein Fehlalarm, na und?
          Ist das nicht besser als hinterher zu sagen_denken:
          „Hätte ich mal…wenn…aber“.

          Ich denke auch das Hilfsbereitschaft Fachwissen braucht, sicher auch ein gewisses Maß an Erfahrung. Mann_Frau kann ja auch im Guten vieles falsch machen.
          Doch glaube ich schon, das Mann_Frau kleine Dinge tun kann.
          Wie eben bei der Schmerzfrau mal nachschauen, das sie z.B. nicht aus lauter emotionaler Unachtsamkeit die Treppe runter gestürzt war…

          Ich glaube halt, wenn die Großstadt viele kleine_große Nöte verschluckt und ihr Tuch der Gleichgültigkeit über seine Einwohner legt, liegt es doch an jedem einzelnen ein Loch in das Tuch zu schneiden…

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          1. War das jetzt ein Kompliment oder eine Aufforderung an mich, eindeutiger zu formulieren? Ich denk mal, beides. Also, das vielschichtige Thema hast Du mit Deinem Beitrag angestoßen, und das sehr eindringlich. Es wirkt auf mich, weil ich Deine Gefühle nachvollziehen kann und selber auf die Probleme eben keine Antwort weiß, bloß neue Fragen und Zweifel. Habe in letzter Zeit ein wenig Einblick in helfende Berufe bekommen, durch Ehe mit Sozialarbeit und durfte auch mal als Praktikant in der Psychiatrie dabei sein. Da beeindruckte mich eben das geduldige Warten, den Menschen Raum geben und auch für Menschen, die ab und zu mal ausrasten, da sein und vor allem da bleiben. Eben nicht hinterher laufen, sondern bleiben, bis der andere aus freien Stücken wiederkommt ohne ihn zu verurteilen. Wie gesagt, ich kann das auch nicht gut. Deshalb ich bewundere ich gute Helfer für ihre Geduld und innere Stärke.
            Von Dir kenne ich nicht mehr als Deine Einträge hier. Mein Bauchgefühl nun läßt mich einfach vermuten, daß Du manchmal zuwenig an Dich selber denkst. Ich meine, wer schreibt schon einen absolut rührenden und persönlichen Brief an die Autoknacker, die das Kasettendeck gestohlen haben? Das fand ich ziemlich einmalig. Es sollten viel mehr Leute so denken. Aber es ist bestimmt kein leichter Weg und Du hast dabei jede Hilfe verdient, die Du kriegen kannst.
            Beste Wünsche aus der Großtadt!

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            1. Danke für die Worte, haben sehr viel angesprochen und viel Wahrheit und Einsicht gezeigt. Dem hab ich gerade irgendwie gar nichts hinzuzufügen. Die wirken einfach so…

              Vielen Dank.

              PS
              (schreibt man das heute noch?!)
              andersherum …die haben mein tolles USB Radio geklaut… jetzt hab ich das Kassettenradio und finde es super… 😉

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MissTueftelchen freut sich auf deine Zeilen

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