💭Gedanken fangen

… zu Besuch…

Ich brauche nicht zu klingeln, denn meine zu Besuchten schauten schon, wie je her, aus dem Fenster. Neugieriges nachschauen, ob ich schon da bin.
Der Suchende Blick geht jedoch in die Falsche Richtung, denn ich bin nicht mit den Auto unterwegs, sondern mit Öffentlichen Verkehrsmitteln.
Erinnerungen, wie ich aus dem Fenster schaue, kommen mir in den Sinn. Beobachtend, wie Opa da unten bei den Garagen steht und eine Pressekonferenz mit allen vorbeikommenden Bekannten abhält. Ein warmes lächeln strömt in meine Bauchhöhle.
Ich rufe, zu dem Kopf der über die Fensterbank lukt, ein „Huhu“ zu und nach einem winken, verschwindet der Kopf, um zur TürKlingelanlage zu laufen und mich hinein zu lassen.
Mit der Hand an der Klinke warte ich. Das Summen der Tür gewährt mir eine kurze Zeitspanne, um diese zu öffnen. Ich trete ein, in ein Treppenhaus, recht schmal, Treppen aus Stein, mit einem hell bemalten Holzgeländer und braunem Handlauf. Ich steige hinauf, es riecht, entgegen meiner Geruchserwartung, noch nicht nach Mittagessen, so wie sonst zum Haus dazugehört. Es ist der Geruch nach älteren Mitmenschen die noch richtig kochen. Eine ganz eigene Duftmischung (nicht unangenehm, nicht ungepflegt), eher einladend.

Ich schäle mich aus meinen Schuhen, vor der Wohnung und trete ein. Umarmungen, Begrüßungen, Schuhe werden geschnappt mit dem Satz „die nehmen wir lieber mit rein“ und ich denke bei mir wer soll die hier schon stehlen? Erinnere mich daran, wie in einer der alten Wohnungen meine damals neuen Ikea Hausschuhe geklaut wurden. Bin ich wohl zu Vertrauensselig?

„Du trinkst doch K-fee? Wir haben extra noch ein paar Tassen gekocht…“
Da kann_darf ich ja nicht nein sagen, auch wenn mir der Gedanke, an den arg säuerlichen_zu starken K-fee, Tränen in die Augen treibt. Ich packe meinen gemörbten Pflaumenkuchen aus und hoffe das er ihnen schmeckt, am Nachmittag.
Wir gehen ins Wohnzimmer zur Couchsitzgelegenheit. Platzieren uns, um einen runden Tisch und ich bemerke, am Rande, das nur ich eine K-fee Tasse habe.

Wir fangen an zu erzählen. Ich habe eine Photo DVD von der BuGa [*1] mit und lege diese ein. Bilder laufen über den Bildschirm und ich erzähle von den Eindrücken der Stadt und den Ausstellungen.
Ich merke das etwas anders ist als damals_einst_früher.
Die Oma ist agil, fragt nach und interessiert sich, ist dabei, doch Opa sitzt sehr schweigend da, Bewegungen sind langsam und eher still.
Bedrückung breitet sich in meinem Brustkorb aus.

Nach dem Bilderschauen, sitzen wir weiter da und reden.
Am Rande die Erwähnung, dass Opa nun eine Pflegestufe hat. Tränen laufen bei Oma und ich verstehe sie gut. Da spielen so viele Gefühle hinein…dass er nicht mehr so kann… erinnern… so bewegen…wie einst … die Demenz, die es ist, nicht mehr verschwinden wird… das Alter, sie und ihn einholt und man nichts dagegen tun kann.
Vielleicht auch die Angst vor dem unbekannten danach.
Die Traurigkeit wie es ihm geht und die Tatsache das Oma alles allein bewerkstelligt und auch sie ihre Wehwehchen hat, lässt den Kloß im Hals noch größer werden.

Er sitzt da und scheint gar nicht zu registrieren, das es um ihn geht. Obwohl ich glaube, das er das schon weiß, nur kommt es bei ihm langsamer in den Kopf getröpfelt, so dass unser Gespräch schon weiter ist.
Oma redet über ihn, als wäre er gar nicht im Raum… das stört mich… doch ich lasse sie erzählen.
Opa dreht sich zum Fenster, Oma ruft dazwischen „ja mein lieber, es regnet“ auch ich schaue hinaus. Bindfäden lassen den Blick nicht weit schweifen.
Opa freut sich darüber, ich finde es schön.
Es tut weh zu verstehen, dass er nicht mehr so gut erinnern kann, die kurzfristigen Dinge. Er nimmt nicht Teil an unseren Gesprächen, schaut zu, lauscht und ich frage mich wie er wohl denkt, wie sein Bewusstsein jetzt funktioniert.

Oma erzählt beiläufig „…er hat mir gestern zum Frauentag gratuliert…“ es sollte auflockernd klingen, doch die Wirkung blieb aus…

Ich bin traurig darüber, ich habe Angst davor, doch es ist nicht unausweichlich was am Ende der Reise eines jeden steht, nur hätte ich mir gewünscht, dass Oma und Opa noch ein paar schöne bewusst gelebte Jahre gemeinsam haben_hätten.
„Nimmst du noch einen Schluck? Willst du einen Zwieback dazu?“, fragt die Oma und geht hinaus um noch mal K-fee zu holen… ich verneine und Opa sagt „…einen Zwieback mit Butter und Honig, das ist etwas ganz leckeres…“, ich muss lächeln…

Irgendwann verabschiede ich mich, bin ziemlich_sehr durcheinander. Ich weiß hier war ich einst oft, so lange her und nicht auffindbar in meinen Erinnerungen. Erinnerungen die der Opa vielleicht noch hat…
Opa sagt noch Immer unfallfreie Fahrt,… , ein Stich im Herzen, denn das sagt er seit ein paar Jahren schon…

Ich laufe zu meinem Beförderungsmittel und sammle meine Gedanken. Ein Rabe läuft über den noch_wieder saftig grünen, gemähten Rasen und schaut mich an, ich Grüße ihn, halte ihn mit der Kamera fest und gehe weiter.
Noch zwei Minuten, dann kommt meine Bahn. Eine Schulklasse versperrt mir die Sicht auf den Fahrplan und ich hoffe einfach, das die Bahn in meine Richtung fährt.

Sitzend in der Bahn beschäftige ich mich, Gedanken ablenkend mit meiner Armbanduhr, gebe Telefonnummern ein. Das hätte ich schon längst mal tun sollen. Ein grölend, lautes Rufen lässt mich aufhorchen und ich schaue zwischen den Haltestangen nach hinten. Ein Mann mit einer Bierflasche in der Hand. Es ist noch nicht mal Zehn Uhr am Morgen.
Rennend steige ich in eine andere Bahn, es regnet wieder. Wir fahren durch die Straßen, Menschen ducken sich, laufen unter den Bäumen und halten ihre bunten, lustigen Schirme aufgespannt nach oben, um nicht nass zu werden. Ich schaue durch mich hindurch, durch die beschlagenen Fensterscheibe.
Unter einer Linde, etwas abseits, stehen zwei Männer und trinken (auch) Bier. Es ist eine halbe Stunde später und ich frage mich, was ist das nur für eine Welt?
Mir fällt gerade noch ein, das ich den Halteknopf drücken muss, um dem Fahrer zu signalisieren, das ich die nächste Haltestelle raus möchte. Ich stehe an der Tür und warte.
Draußen begrüßt mich der regen, nass und kalt, doch ich spanne den Schirm nicht auf, ich möchte sie fühlen, die Tropfen, auf meiner Haut, spüren wie sie an mir herunter_laufen_tropfen, wie sie die Traurigkeit der vergangenen Stunden mitnehmen und mich wieder fröhlicher werden lassen.
Nein, ich kann so vieles nicht ändern …
… ich denke noch, ich weiß gar nicht was Demenz ist, dann drehe ich mich um und bin verschwunden… nur noch eine Erinnerung.


[*1] Bundesgartenschau 2015 in der Havelregion, wir besuchten den Ort Havelberg.

copyright by Miss Tueftelchen

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