🦄phäno(r)mal

„WARTEN“

In der Schusseligkeit des Lebens habe ich einen Termin verpasst und mit entsetzten stellte ich fest: … schon ein Monat her!(!!)
Das einfachste ist natürlich:
… dort anrufen…
… neuen Termin geben lassen…
… und hoffen keine Strafe zahlen zu müssen, weil ich nicht 48h vorher abgesagt habe…

Rufe dort zig mal an!
Anrufbeantworter erscheint in mehreren Variationen, doch lässt er_sie keinen Platz zum darauf sprechen und keine Möglichkeit, mich für meinen zeitverlorenen Termin zu Entschuldigen.
Jeden Tag den ich keinen erreiche, ist wie ein Kribbeln in meinem inneren, weil ich so unfähig war, den eigentlichen Termin wahr zu nehmen.
Irgendwann in einer Luftpause meines Arbeitsalltags fliege ich dort vorbei und lasse mir einen zeitnahen neuen Termin geben. Wundersamerweise gleich eine Woche später. Sonst dauert das auch immer Monate bis mal was frei ist…

… nun bin ich zurück, habe es geschafft, rechtzeitig dort aufzuschlagen…
… bin in Panik dorthin gefahren, weil ich schon wieder viel zu spät los bin.
(wie immer, fallen mir vor dem Aufbrechen noch einige – hundert Sachen ein, die ich auf jeden Fall, jetzt, noch schnell tun muss… … nur die Schnürsenkel schaffte ich nicht mehr auszutauschen… … was mir sehr schwer viel, denn ich freute mich auf eine glamouröse Verbesserung meines Schuhwerks….)

Ich betrete das Praxis Haus, unten ein Auflauf von Menschen im späteren_sehr viel späteren Lebensabschnitt…[*1]
Was machen die da alle?
Eine Versammlung?
… oder Moment…
… es sind mehrere Menschen, die zufällig zusammen gekommen sind, dann wohl doch keine Versammlung, auch wenn sie scheinbar alle ein und das selbe Ziel haben: nach oben zu kommen…
… vielleicht eine Demo…
… doch wo für_gegen?
… und das in einem Treppenhaus der verschiedensten Arztpraxen.

Ich kämpfe mir einen Weg zur beleuchteten Auszugskabine, die mit geöffneten Türen danach schreit von mir betreten zu werden.
Eine Dame fährt mir mit ihrem VierRadAntrieb, in Form eines Rollators, über meine Füße…
… Gleichgewichtsverloren schwanke ich gegen einen Mann, der mich mit seinem Gehstock anrempelt und das mit einer solchen Kraft, dass ich mich fragen muss; wieso braucht er einen Gehstock? Hielt er doch das Gleichgewicht wunderbar, um mich direkt noch einmal zu attackieren…
Der Duft reichte von Blumig_muffig bis halb vergangen…
Atemlos stehe ich im Aufzug -wundernd-, das er noch immer ausharrte, wie als würde er warten. Gedankenverloren drücke ich einen Knopf und hoffte die richtige Etage erwischt zu haben. In dem Moment des Knopfdrückens, schaue ich noch einmal auf den Seniorenpulk, alle Blicke sind auf mich gerichtet und ein eisiger Schauer überkommt mich.
Was wenn es Kannibalen sind(?) und der Aufzug ihre Falle, und die Rollatoren, Krücken und Gehstöcke nur Tarnung und in Wirklichkeit haben sie ihr Netz ausgeworfen, in dem sie die rettende Treppe derartig blockierten, dass ich den Aufzug nehmen muss.
Panisch drücke ich den Türschließen Knopf und wundere mich erneut, warum die noch immer offen ist. Täusche ich mich oder tropft da wirklich schon der Geifer aus den Mundwinkeln…
Der Fahrstuhl reagiert nicht!

PAAAAAAAAAAAAAAAAAAaaaaaaaaaaaaaanik!!!

Fuck, Fuck FUCKKK!(!!) sorry

Bäng… knallt mir die logische Erkenntnis ins Gehirn…
Der Aufzug ist defekt, deswegen stapeln sich die KannibalenSenioren am Treppenaufgang. Vielleicht haben sie ja die Hoffnung, wenn sie alle gemeinsam die Treppe verstopfen, drücken sie sich gegenseitig nach oben…

Schweiß durchweicht trete ich wieder zwischen die einheitliche Masse und hoffe nicht aufgesaugt zu werden. Ich höre sie rufen und schimpfen und erkenne das es doch kein KannibalenGeifer war, sondern einfach ein älterer Mann, ohne Zähne, mit einer nur (sehr)feuchten Aussprache…

Ich erklimme die ersten Stufen und schaue in der Mitte der Treppe noch einmal zurück. Unglaublich, denk ich. Ich kann nicht allen helfen mit ihren Gehhilfen und Gebrechen.
Mitten drinnen steht ein Mann, ohne GeHilfe. Er telefoniert und spricht mit dem Pulk. Die älteren Damen und Herren halten Visitenkarten und Terminzettel in seine Richtung.
Ah Ja… denk ich.
Er rief in den Praxen an und sagte Bescheid, das die Patienten nicht nach oben kommen können, weil der Aufzug defekt ist.
Sie sind umsorgt denke ich und setzte meinen Weg fort.

Ich glaube ich bin in diesem Treppenhaus noch nie nach oben gegangen, runter gehe ich immer, doch nach oben, nehme ich den Aufzug, um die richtige Etage zu erwischen_finden.
Geschossbezeichnungen sind nicht vorhanden, man muss noch selber zählen. Ich habe Glück, es sind nur vier und bis dahin schaff ich es noch ohne Taschenrechner.
Oben angekommen, ziemlich aus der Puste frag ich mich; wie hab ich das nur gemacht, als wir noch im fünften wohnten?

Unerwartet zügig werde ich an der Rezeption abgefertigt und darf ich mich schnell in den Raum setzten, an dessen Durchgang (eine Glasteilwand) ein großgeschriebenes „WARTEN“ steht. Ich setzte mich dem WARTEN gegenüber und frage mich; warum das heute nur noch WARTEN heißt. Ich meine liegt es an der Zeit, dass Worte einfach nicht mehr gebraucht werden?
Früher_einst hieß es noch WarteZIMMER.
Ich verstehe ja, das das „WARTEN“ hier kein Zimmer ist, da keine Tür, doch ist es dann nicht so etwas wie ein Raum, ein WarteRAUM. Oder eher wie im Bahnhof eine WarteHALLE, weil offener Durchgang?

Mein Blick wird von einem riesigen Bildschirm abgelenkt, auf dem verschiedenste Photos sich abwechseln.
Ich versuche zu erkennen, welche Landschaften_Gegenden ich zuordnen kann und bin nun ganz eingespannt von dem Monitor. Meine Anfängliche Panik ist erst einmal weg, nach dem ich feststellte, das ich nichts, (rein gar nichts ![!!]), dabei hatte um mir das Warten aushaltbar zu gestalten.

Gefühlte Stunden vergehen…

Neben mich setzt sich eine Frau mit ihrer älteren Mutter, die anfangen sich ewig lang und extrem laut zu unterhalten…

Unerträglich, ich will nur noch weg…

Eine Rollatorin betritt die Praxis, geht_rollt umher und spricht eine Frau an der Rezeptionswarteschlange an: „Haben sie mir vorhin geholfen…?“
Diese schüttelt den Kopf und sagt vehement: Nein!(!!)…
… weil die Rollatorin weiterhin überzeugt ist.
Sie wendet sich Richtung WARTEN (vielleicht WarteSAAL) und rollt herein.
Ihr Blick fällt auf die Seite und sie ruft hocherfreut:
„SIE! Sie waren Das…, sie haben mir geholfen…“
Der angesprochenen Dame ist das sichtlich unangenehm (die einzige die noch nicht über 60 zu sein scheint [neben der Frau, die sich mit ihrer Mutter anbrüllte]).
Mich überkam der Eindruck, dass sie versucht die Luft zu beschwören, auf das die Luft sich um sie (ver)schließe und sie unsichtbar werde könne. Jedoch die Luft, tut ihr nicht den Gefallen und so muss sie die rührenden_tränen reichen Danksagungen über sich ergehen lassen und die Zehn Euro Dankes Geld annehmen, auch wenn sie mehrfach aggressiv versucht der älteren Dame es zurück zu schieben, doch sie bleibt eisern.
Ich nehme an, dass die Helfende Dame am Ende doch nachgab und das Geld annahm, um weiteres aufsehen abzuwenden, denn schon das ganze WARTEN beobachtet die abwechslungsreiche Szene.
Die Rollatorin verlässt Überglücklich den Raum und die Helfende Dame bleibt zurück.
Sie lächelt nicht…
Sie freut sich nicht…
… darüber, das die Rollatorin sich so sehr freute… oder zeigt sie es nur nicht?
In ihrem Gesicht durchlaufen zig Mimiken eine Parade, doch etwas fröhliches ist nicht dabei.
Ich werde Traurig…

Schaue wieder auf die Uhr.
Warten schon seit EinsKommaFünf Stunden.

Eine andere Frau sagt etwas zu ihrem Mann und zeigt dabei auf eine adrett gekleidete Dame.
Diese hält ihnen die Zeitung hin, worauf die Frau zu der Dame meinte:
Nein, ich bewunderte nur ihre Schuhe, die sind sehr schön…“
Die Dame darauf: „…ach so, und ich dachte sie wollten meine Zeitung haben.“

Der Warteraum grinst…

Mehr spektakuläres ist nicht zu berichten_passiert…
… außer dass es scheinbar alle Senioren  gelungen ist in ihre Ziel Praxen zu gelangen. Das grenzt fast an einen Weltrekord…

Unglaublich…

Langsam…
… fühle ich wie ich sauer werde, und das dauert bei mir wirklich lange…
Da mache ich einen Termin und dann warte ich ewig.
Warum mache ich denn Termine (so ganz allgemein bei ÄrztEn_Innen)?
Dann kann ich ja gleich kommen wann ich will und einfach ein wenig Zeit mitbringen.
Wartezeiten von mehreren Stunden sind dann keine Ausnahme, mein persönlicher Rekord liegt bei über Sechs Stunden! (höchst Zeit bei Beachtung aller WarteÄrzte).

… und auf das Klo müsste ich auch mal, nur traue ich mich nicht, denn könnte es ja sein, das genau dann mein Name durch das WARTEN ruft und ich nicht da bin um es zu hören. Die Angst, dass dann der nächste dran kämme und ich noch länger warten müsste, lässt mich ausharren. Mit einer Blase so voll, wie der Wahnsinn in meinem Kopf…

Ich halte diesen WarTeRaum nicht mehr aus, stehe auf…
… laufe umher…
… um dem fliehen entgegen zu laufen…
… Tiger ich im Praxisflur auf und ab…
Ich komme mir vor wie „Der Phanter“ in Rilkes (Rainer, Maria) Gedicht.

Die Gerüche…
… das Anbrüllen der Frau mit ihrer Mutter [*2]
… das Warten…
… alles irgendwie…
… selbst die Vögel und Grillen draußen vor dem Fenster…
.. machen die Situation immer Unaushaltbarer.

Ich warte (warten, warten warten immer nur Warten…) Sehnsüchtig auf das erklingen des Aufrufgeräusches, (aus dem Übergroßen Fernseher_Monitor), das den Wartenden Bescheid gibt, wer in die Freiheit eines der Vier Behandlungszimmer entlassen wird…

… ♫ ♪bing ♪ ♫ ♪ding ♪ ♫ ♪ding♪ ♫…
… oder irgendwie so ertönt es und endlich…
… endlich höre ich meinen Namen und begebe mich zielstrebig und schnell aus dem Warten…
und dann gleich_bald in die  Freiheit der Straßen meiner Stadt…

… und dabei waren es am Ende doch nur etwa zwei Stunden…


[*1] Am Ende möchte ich erwähnen, dass ich nichts rein gar nichts gegen Menschen im höheren Alter hab. Sie gehören zur Welt und lassen einen erinnern wie kurz eine Lebensspanne sein kann und wie schnell sie vorbei ist. Sie erzählen Geschichten, Leben und teilen einem, wenn man sich die Zeit nimmt und zuhört, bei ihnen ist, so viel Wertvolles mit. Ich bin Dankbar das es ältere Menschen gibt. (Nur eine kleine Anmerkung weil es im Text vielleicht etwas anders herüber kommen mag.)

[*2]Die Tochter bemerkte mitten drinnen, dass sie wohl doch mal zu einem Ohren Arzt gehen müssen… worauf die Mutter nur Waaaas? schreit.

copyright by Miss Tueftelchen

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